Studio Noun:
Unser Claim «Sustainable Strategies for human centered Architecture» bedeutet, Architektur vom Menschen aus zu denken – und dabei radikal ehrlich mit Ressourcen, Energie und Raum zu arbeiten. Weniger zu bauen ist kein Verlust, sondern in unserer Zeit eine Voraussetzung, um Ressourcen so einzusetzen, dass Qualität entsteht, die materiell, kulturell und ästhetisch Bestand hat.
Studio Noun versteht Architektur als kulturelle Praxis, die Verantwortung trägt. Unser Ansatz ist zeitgemäss und konsequent: nachhaltiger, besser und weniger zu bauen. Nicht als Haltung im Abseits, sondern als neues Selbstverständnis. Nachhaltigkeit ist für uns kein Zusatz, sondern eine Grundbedingung – ebenso wie gestalterische Präzision, räumliche Klarheit und kulturelle Relevanz.
Wir arbeiten mit einfachen, robusten Strategien und hinterfragen gängige Annahmen zu Technik, Energie und Komfort. Statt auf immer komplexere Systeme zu setzen, suchen wir nach Lösungen, die dauerhaft funktionieren, nachvollziehbar sind und sich an realen Bedürfnissen orientieren. Low-Tech ist dabei kein Verzicht, sondern eine bewusste Entscheidung für Langlebigkeit, Anpassungsfähigkeit und Unabhängigkeit.
Unsere Projekte entstehen aus dem Zusammenspiel von Architektur, Konstruktion, Material und Energie. Sie sind ortsbezogen, ressourcenschonend und präzise gestaltet. Ausgangs- und Zielpunkt ist immer der Mensch – seine Nutzung, seine Wahrnehmung, sein Alltag.
Interview:
«So wenig wie möglich, so viel wie nötig». Ein Gespräch mit Studio Noun über Ressourcen, Bestand und eine Architektur, die vom Menschen aus gedacht ist
Das Interview basiert auf einem Vortrag von Studio Noun und wurde für die Website redaktionell aufbereitet.
Zu Beginn zeigt ihr ein Bild von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, wie sie nach dem Essen in der Kronenhalle sitzen und rauchen – was wollt ihr damit aussagen?
Was heute befremdlich wirkt, war damals selbstverständlich. Gesellschaftliche Veränderungen brauchen Zeit – und den Mut, Gewohnheiten zu hinterfragen. Genau diesen Wandel sehen wir auch in der Architektur: Was heute noch als Verzicht erscheint, kann morgen neue Normalität sein. Weniger zu bauen, Ressourcen zu schonen und Bestand weiterzudenken ist kein ideologischer Ansatz, sondern eine zeitgemässe architektonische Notwendigkeit.
Der Leitsatz «So wenig wie möglich, so viel wie nötig» prägt eure Arbeit. Wie zeigt sich diese Haltung konkret am Projekt 008 Scheune in Nesslau?
Die Scheune stand leer, war aber in ihrer Substanz erstaunlich gut erhalten. Als Teil des Ortskerns und der gewachsenen Kulturlandschaft ist sie von besonderer Bedeutung. Für uns war klar: Der grösste ökologische und kulturelle Wert liegt im Bestand. Ziel war es, den Bau vor dem Verfall zu bewahren, mit minimalen Eingriffen weiterzubauen und ihn als Teil dieser Kulturlandschaft in die Gegenwart und Zukunft weiterzudenken.
Was habt ihr vorgefunden, als ihr das Gebäude erstmals besichtigt habt, und wie seid ihr mit den unterschiedlichen baulichen Schichten umgegangen?
Eine Scheune mit vielen Schichten aus rund zwei Jahrhunderten Nutzung: ein sehr gut erhaltenes Schindeldach, eine intakte Strickbaustruktur, aber auch Einbauten neueren Datums, die wenig Qualität hatten. Gemeinsam mit der Bauherrschaft und den Handwerkern haben wir genau analysiert, was erhaltenswert ist – und was nicht. Daraus entwickelte sich die Idee eines Einraumstudios als ruhiger Rückzugsort. Ein respektvoller Umgang mit dem Bestand bedeutete für uns, neue Elemente klar als neue Schicht lesbar zu machen. Die hinzugefügten Bauteile sind eigenständig und vom Bestand gelöst – sie berühren ihn, aber sie imitieren ihn nicht.
Ihr sprecht oft von Reversibilität als architektonischem Prinzip. Was bedeutet das in diesem Projekt ganz konkret?
Wir haben bewusst auf verklebte Holzwerkstoffe verzichtet und möglichst mit Holzverbindungen gearbeitet. Vieles ist gedübelt, teilweise ganz ohne Metall. Neue Innenwände wurden als Steck- und Schiebesystem entwickelt, das ohne Verklebungen auskommt und in handlichen Teilen vor Ort gefügt werden konnte. Die Eingriffe bleiben so rückbaubar.
Welche Rolle spielen Materialwahl und Gestaltung im Umgang mit Bestand und Atmosphäre?
Eine sehr grosse. Wir setzen natürliche Baustoffe zeitgemäss ein und versuchen, das richtige Material am richtigen Ort zu verwenden. Für den Boden fanden wir in einem historischen Bauteilsupermarkt im Schwarzwald alte Backsteine, die wir wiederverwendeten. Das ist ökologisch sinnvoll und verleiht dem Raum eine materielle Tiefe. Ertüchtigt wurde nur, was wirklich notwendig war. Auch gestalterisch knüpfen die Eingriffe an den Bestand an: Aus historischen Verzierungen haben wir ein Ornament für neue Elemente entwickelt. Das weisse Studio im Inneren domestiziert den Raum und nimmt zugleich Bezug zum darunterliegenden gekalkten Kuhstall – dabei interessiert uns der Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart.
Beim Mehrgenerationenhaus 042 Oleanderweg stand ein Neubau im Fokus. Was war hier der Ausgangspunkt, wenn es um Nachhaltigkeit, Ressourcen und langfristige Nutzung ging?
Die Bauherrschaft kam mit einer sehr klaren Vision: Wenn neu gebaut wird, dann mit einem möglichst kleinen Fussabdruck – in Erstellung, Betrieb und Unterhalt. Es sollte ein Zuhause für mehrere Generationen werden. Diese langfristige Perspektive hat das Projekt stark geprägt.
Ihr sprecht in diesem Zusammenhang von systemischem Denken. Was bedeutet das konkret in der architektonischen Entwicklung des Hauses?
Alles hängt zusammen: Volumen, Konstruktion, Material, Energie und Nutzung. Wir entwickelten ein kompaktes Gebäude mit einer leimfreien Vollholzhülle. Rund 300 Kubikmeter Holz binden so viel CO₂, wie ein Langstreckenflug verursacht. Architektur kann hier ganz konkret Teil der Lösung sein.
Welche Rolle spielt der zentrale Kern im Haus – räumlich, konstruktiv und im Hinblick auf das Raumklima?
Der Kern ist räumlich und energetisch das Herzstück. Dort befinden sich Erschliessung und Haustechnik. Gleichzeitig wirkt der Kern als thermische Masse und verbessert das Raumklima. Mit Lehm als Material trägt er zur Regulierung von Feuchtigkeit und Temperatur bei. Konstruktion, Material und Raumklima werden so zusammengedacht.
Neben einem möglichst geringen Fussabdruck in der Erstellung habt euch auch dem Thema Energie auseinandergesetzt?
Energie ist ein zentrales und wichtiges Thema in diesem Projekt. ¾ der benötigten Energie in einem Haus ist Wärmeenergie und nur ¼ Strom, daher haben wir nach einer Lösung gesucht die hierauf eine Antwort bietet.
Fündig sind wir bei der Solarthermie geworden. In Kombination mit einer Bauteilaktivierung der Massivbauteile im Untergeschoss können wir ausreichend Wärmeenergie speichern um das Haus ganzjährig hiermit zu versorgen. Die kostenlose Sonnenenergie steht uns immer zur Verfügung, diese zu nutzen ist ökologisch und ökonomisch nachhaltig. Zusammen mit der Photovoltaik erzeugen wir mehr als 3x so viel Energie wie das Haus benötigt.
Beim Projekt 006 Firstenblick arbeitet ihr mit einem Bauernhaus in der Landwirtschaftszone. Warum ist der Umgang mit Bestand hier besonders relevant?
Weil hier die Frage «Weiterbauen statt Neubauen» konkret wird. Das Toggenburgerhaus in seiner landschaftlichen Lage ist Teil einer über Generationen gewachsenen Kulturlandschaft. Es erzählt vom Leben und Arbeiten einer Region. Heute wird Landwirtschaft mit anderen technischen Möglichkeiten betrieben – umso wichtiger ist es, diese Bauten nicht nur zu bewahren, sondern sie durch gezielte Transformation in die heutige Zeit weiterzuführen. So kann ihre gesellschaftliche und kulturelle Verankerung lebendig bleiben. Für uns geht es darum, diese Identität nicht zu konservieren, sondern sie in die Zukunft weiterzuschreiben.
Wie nähert ihr euch dem Bestand architektonisch, ohne ihn zu musealisieren oder zu überformen?
Wir versuchen, Kontraste herauszuschälen und Spannungen zuzulassen. Die traditionellen Kammern der Toggenburger Häuser sind ein wichtiges Motiv. Indem wir eine neue Kammer mit mehr Höhe und Volumen hinzufügen, entsteht ein bewusster Kontrast. Alt und Neu stärken sich gegenseitig.
Ist dieser Umgang mit dem Bestand auch eine Form von Nachhaltigkeit?
Unbedingt. Bestand weiterzubauen spart Ressourcen, graue Energie und Kulturlandschaft. Gleichzeitig erlaubt es zeitgemässe Wohnformen. Nachhaltigkeit ist hier nicht nur technisch, sondern auch kulturell zu verstehen.
um soziale Nachhaltigkeit geht es Beim Projekt 024 Wöschhüsli. Was war hier die zentrale Fragestellung?
Viele Dörfer im ländlichen Raum kämpfen mit verödenden Zentren und Verkehrsräumen, die eher trennen als verbinden. Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und die abnehmende Bedeutung sozialer Institutionen wie Kirchen oder Vereine haben vielerorts zu einem Verlust gemeinschaftlicher Treffpunkte geführt. Das Wöschhüsli steht in diesem Kontext. Es geht um die Frage, wie ein Ort wieder gemeinschaftlich genutzt werden kann.
Wie reagiert das Projekt architektonisch und städtebaulich auf diese soziale Aufgabe?
Ausgangspunkt ist das Tonnengewölbe aus dem 18. Jahrhundert, wir haben die bestehende Volumetrie aufgenommen, angehoben und zur Strasse hin fortgeführt. In dieser neuen Setzung entsteht ein kleinteiliger, klar gefasster Raum, der der Dorfgemeinschaft als Treffpunkt Halt gibt. Zusammen mit dem Gemeindehaus bildet das Wöschhüsli eine inszenierte Torsituation – ein räumliches Zeichen für den Dorfkern und zugleich eine Markierung des Übergangs ins Obertoggenburg. So stärkt das Projekt Identität und die räumliche Lesbarkeit des Ortes.
Welche Rolle spielt der Mensch in diesem Projekt – und generell in eurer Arbeit?
Die zentrale. Gebäude sollen den Menschen dienen. Das Wöschhüsli versteht sich als Zentrum für alle. Es geht um soziale Nachhaltigkeit, um Begegnung und um Räume, die gemeinschaftliches Leben ermöglichen. Architektur kann solche Prozesse unterstützen – wenn sie zuhört.







